Ich sitze hier unter dem zarten Blätterdach der Birke in der Morgensonne mit einem Kaffee in der Hand und höre die Vögel zwitschern im Wald nebenan, das Rascheln der Blätter und denke gerade, dass es so wenig braucht um ein Glücksgefühl zu verspüren. Es ist ein Moment der Ruhe und man könnte meinen, die Welt befinde sich gerade im totalen Gleichgewicht. Der Scheint trügt und tatsächlich ist in dieser Welt gerade gar nichts im Gleichgewicht, aber in den wildesten Zeiten gönnt uns das Leben diese Momente, wo für einen Augenblick alles ok ist. Das stimmt mich zuversichtlich und dankbar. Ich habe noch nie wirklich am eigenen Leib erfahren was es heisst, wenn die ganze Welt aus den Fugen gerät- und ich denke es ist anmassend wenn ich davon rede, obwohl ich mich in der Blase des Wohlstands und der Sicherheit befinde. Aber trotzdem glaube ich, dass tatsächlich in allem Chaos und aller Not Momente der Zufriedenheit möglich sind – zumindest hoffe und wünsche ich das all den Menschen die sich tatsächlich in Notsituationen befinden.
Du bist jetzt schon wieder eine Weile zurück und bei deinem letzten Eintrag warst du noch ganz in dem Reisemodus und gefüllt von all den Eindrücken und Erlebnissen die du gemacht hast. Wie geht es dir in der Zwischenzeit? Der letzte Blogbeitrag von dir hat mich sehr berührt und ich muss sagen, diese emotionale Weltverbundenheitsseite an dir kannte ich bisher nicht und ich finde es extrem schön, wie du die Andersartigkeit auf eine gute Art feierst, ohne das Gefühl zu haben, du müssest deine eigene Identität dafür preisgeben. Ich glaube das ist eines der grossen Missverständnisse besonders in unserem Land- dass unsere Gesellschaft denkt, wir müssten unsere eigenen Werte aufgeben damit andere auch Platz haben. In Theorie sollte eine friedliche Koexistenz eigentlich nicht so schwierig sein. Aber in der Realität ist es fast unumgänglich, dass es gewisse Bereiche gibt, bei denen der eine seinen Werten treu bleibt und damit den Anderen einschränkt, vielleicht sogar beleidigt oder zumindest vor den Kopf stösst. Es braucht schon sehr viel Fingerspitzengefühl um hier den richtigen Umgang zu finden.
Ich merke, dass es aktuell um uns herum einige Themen gibt, die mich emotional bewegen und bei denen ich auch nicht bereit bin, meine eigenen Grenzen zu verschieben. Ich sehe einige meiner Werte bedroht und natürlich habe ich den inneren Drang, diese zu verteidigen. Dabei steht mir aber mein starkes Bedürfnis im Weg, immer mit allen in Harmonie und Einigkeit zu leben. Ich falle ungern auf, stelle ungern unbequeme Fragen, möchte von jedem gemocht werden und passe mich gerne an, sodass ehrlicherweise wohl die grösste Gefahr von mir selber ausgeht. In vielen Fällen wäre es gar nicht nötig, dass ich mich dem Rest der Welt anpasse- ich könnte meiner Umwelt durchaus zutrauen, dass sie mit meiner- oder einer anderen Ansicht- umgehen kann. Ich dürfte es ihr zumuten. Aber ich selber stehe mir im Weg, lasse mich von ängstlichen Gefühlen leiten, die mir sagen, dass ich ausgeschlossen werden könnte, dass die Leute mich dann nicht mehr ernst nehmen, mich belächeln. Das ist leider die Wahrheit. Mit Sicherheit habe ich mich in diesem Bereich bereits weiterentwickelt und stehe schon viel mehr zu meinen Ansichten als früher, aber ich ertappe mich immer mal wieder dabei, mich auf unmöglich diplomatische Weise auszudrücken um ja niemandem auf die Füsse zu treten oder sogar Dinge bewusst nicht zu sagen um keine Diskussionen vom Zaun zu reissen die ich dann meistern müsste. Es fehlt mir manchmal an Mut, der mich dazu befähigt, Profil zu zeigen und mich dadurch angreifbar oder verletzlich zu zeigen.
In der Theorie ist mir bewusst: Klarheit und Liebe zum Nächsten schliessen sich nicht aus. Zu sich und seinen Werten stehen und mit anderen in Frieden leben ist kein Widerspruch. Ein „ich sehe das anders“ in einer Gruppe von Gleichgesinnten katapultiert mich nicht automatisch ins Aus – es kann bereichernde Diskussionen auslösen, es kann Blickwinkel verändern und Horizonte erweitern. Soviel zur Theorie. Im täglichen Leben fällt es mir immer noch schwer. So viele sensible Themen, so viele Gefühle, die man nicht verletzten möchte, so viele Fehler und Fettnäpfchen die man vermeiden sollte – aber vor allem so viel Gleichsinn, Übereinstimmung, ein scheinbar durchwegs gleiches Verständnis von richtig und falsch. Alles darf in unserer heutigen Zeit anders sein- wie du dich kleidest, was du isst, wen du liebst, wie du lebst und wer du bist. Nur die Gedanken, Ansichten und Meinungen, die sollten dieselben sein.
Noch nie war es mir wichtiger, diese Lektion zu lernen und mich dahin zu verändern, dass mir die wohlige Zustimmung der Anderen nicht mehr wichtig ist, dass ich verstehe, dass ich überleben kann auch wenn ich mit jemandem nicht einig werde und Streitgespräche gut sind – solange die Liebe regiert.
Benjamin Franklin hat gesagt: wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.
Ich bin gerade dabei, die Sicherheit des Wir-Gefühls gegen etwas mehr persönliche Gedankenfreiheit einzutauschen.


Hinterlasse einen Kommentar