Die Qual, sich zu entscheiden

Hallo mein Liebster,

Hast du in der vergangenen Woche eine Tür geöffnet? Wenn ja, was kam dahinter zum Vorschein? Ich hätte mir die letzten Tage ein paar Mal gewünscht, der Frühling stünde vor der Tür… Was habe ich diesen grauen, nass-kalten Winter satt.

Sie gefällt mir- deine Tür-Metapher! Es hat mit Chancen, Risiken, Mut und Vertrauen zu tun – aber auch mit Bewegung, oder? Türen zu öffnen heisst auch vorwärts kommen, sich bewegen, Schritte gehen. Wer sich nie für eine Tür entscheidet, wird sein Leben auf dem Flur verbringen. Ich bin selber der Typ, der sich gerne möglichst lange alle Optionen offen hält – aber das bedeutet auch, man ist manchmal überall und doch nirgends, kommt irgendwie nicht vom Fleck, entdeckt wenig Neues, taucht nie wirklich in eine (neue) Welt ein. So ein bisschen wie bei den Chroniken von Narnia (toller Film by the way, muss ich mir unbedingt mal wieder anschauen).


All diese Möglichkeiten in der heutigen Zeit… sie bedeuten aus meiner Sicht fast mehr Fluch als Segen. Viele davon sind auch so verlockend. Das Leben muss ja besonders spannend sein- nichts ist so schlimm wie eine Person mit einem langweiligen Leben. Daher kann es fast nicht genug Türen geben zur Auswahl. Das zeigt sich beschämenderweise bei mir bereits am Morgen vor dem Kleiderschrank- vor lauter Auswahl weiss ich nicht was ich anziehen soll. Das ist eines dieser Erste-Welt-Probleme. Ich habe so viele Möglichkeiten, dass ich schon ganz nah bei mir selbst sein muss um zu wissen, zu spüren: wer bin ich und wohin will ich eigentlich? So schnell lässt man sich von den verschiedenen Möglichkeiten hin und her zerren bis es einen schlicht zerreisst und man sich völlig planlos fragt, was man mit seinem Leben eigentlich anfangen soll.

In der Beziehung als Paar ist es ja eigentlich dasselbe. Wir sind verheiratet- haben uns gegenseitig ein Versprechen gegeben (sogar 2 mal:)). Damit haben wir uns gegen die anderen Optionen entschieden. Meistens finde ich das sehr gut, manchmal ist es aber auch so, dass die zeitgenössische Angst aufkommt, man könnte etwas verpassen.
FOMO; fear of missing out. Sie lauert überall. Bei jedem Thema.
Karriere machen aber doch auch bisschen Familie haben. Immer online sein, 24h präsent, dann auf Knopfdruck Ruhe, Achtsamkeit und Entschleunigung. Schnell muss es gehen und sofort verfügbar, in jedem Fall aber nachhaltig. Naturverbunden aber auch extrem urban und hip. Ich brauche eigentlich Zeit für mich, möchte aber überall mit dabei sein.
(Die Frisur des Wankelmütigen wäre wahrscheinlich der Vokuhila. :))

Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass die Menschen glücklicher waren als sie noch weniger Optionen zur Verfügung hatten. Als die Welt noch weniger vernetzt war und man gar nicht wusste, was es da draussen sonst noch alles gibt.
Wie denkst du darüber? Stell ich mir das zu einfach vor? Früher war alles besser und so..?

Auf jeden Fall bin ich der Meinung, dass es gut und sehr gesund ist, sich zu entscheiden. Einfach mal beherzt und entschlossen diesen Türgriff in die Hand nehmen und sich sagen: so, der Moment der Entscheidung ist gekommen! Man kann einfach nicht alles haben. Entweder oder.

Hach, wie freu ich mich auf den Frühling… Dann kann ich wieder in meinem Hosenkleid und einem Mischgetränk in der Hand im Zimmer ohne Fenster im Freien sein und von einer Welt träumen, in der ich nicht weiss, dass ich auch einfach auswandern könnte in ein Land, wo es gar keinen Winter gibt.

Bis zum nächsten Mal mein Liebster. Dich würde ich auch noch ein drittes Mal heiraten. Diese Entscheidung habe ich schon längst getroffen.

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